Peter Kruck
Die Bankenfalle
Wie wir geschröpft, verlassen
& verkauft werden
s&c 10/2008
Ob Gehaltsempfänger oder Unternehmer: hüten Sie sich vor
Ihrer Bank!
Der Autor listet die schlimmsten Sündenfälle auf, die auf das
Konto von Banken gehen. Angefangen von Raubrittergebüh-
ren, Sicherheitsliquidationen bis zum Verkauf von Krediten
an (ausländische) Geldeintreiber.
Vor Überraschungen ist niemand gefeit.
ISBN: 978-3-85436-385-9
Verlag: SigNUM
Erscheinungsjahr: 2007
Umschlaggestaltung:
Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
Buch
Eines ist sicher: Paradiesische Zustände herrschten noch nie in
der Welt der Banken. Im gottgewollten Paradies gab es weder
Geld noch Banken. Beide tauchten erst nach dem Sündenfall
auf, auch in der Bibel. Dort als notwendiges Übel und als Är-
gernis, denkt man nur an den Auftritt von Jesus im Tempel.
Und da das Geschäft mit dem Geld als unchristlich empfunden
wurde, gab es dann auch gleich ein Zinsverbot. In die Lücke
sprangen bekanntlich die Juden und mussten dafür immer wie-
der bitter büßen.
Das ist natürlich längst Geschichte, von der sich Banken
und Banker gründlich emanzipiert haben. Selbst der Vatikan
nennt eine Bank sein Eigen, die gar vor einiger Zeit in eine
höchst unchristliche Schieflage geriet. Auch hier soll eine eher
teuflische Gier die ausschlaggebende Rolle gespielt haben.
Banken besetzen in unserer heutigen Gesellschaft eine Rolle,
die mit dem Begriff »übermächtig« bezeichnet werden kann.
Keine Branche verfügt über eine derartige Omnipotenz, ist sich
deren aber auch mehr als bewusst und setzt die übermäßige
Macht auch gern und nicht selten sogar skrupellos ein. Im Gro-
ßen, wie im Kleinen. Als Kunde einer Bank, ganz gleich ob als
»Kleine(r) Mann/Frau« oder als Unternehmen, sitzt man im-
mer am kürzeren Hebel. »Was ist der Überfall auf eine Bank
gegen die Gründung einer Bank!« räsonierte Bert Brecht. Der
Kreditnehmer sollte stets an Mark Twain denken: »Der Banker
ist ein Kerl, der bei Sonnenschein Schirme verleiht und sie bei
Regen wieder einzieht.«
Und der Anleger in der Meinung eines großen Bankiers:
»Der Aktionär ist dumm, weil er Aktien kauft, und er ist unver-
schämt, weil er auch noch eine Dividende haben will.«
Aphorismen, hinter denen bittere Wahrheiten und Erfah-
rungen stecken, kleine und große Schicksale: der Häuslebauer,
dem eine falsche Finanzierung aufgeschwatzt wurde, der Anle-
ger, der dem Rat eines »Fachmanns« seiner Bank vertraute, der
Unternehmer, dessen Kredite bei seiner Hausbank an eine
»Heuschrecke« verkauft wurden. Erfahrungen, bei denen schon
mal Hass aufkommen kann.
Autor
Peter Kruck, Jahrgang 1965, ist ausgebildeter Banker. Er stu-
dierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Er ist
Gründer, Inhaber und Geschäftsführer des Bochumer Instituts
für angewandte Kommunikationsforschung (BIFAK) und
Lehrbeauftragter des Instituts für Medienwissenschaft an der
Ruhr-Universität Bochum.
Peter Kruck
Wie wir geschröpft, ver-
lassen & verkauft werden
SigNUM
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© 2007 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlag:
Satz: Fotosatz Völkl, Inzell/Obb.
Gesetzt aus der 12/14 Punkt Minion
Druck und Binden: GGF Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN: 978-3-85436-385-9
Inhalt
Geschichte 9
Die Antike 10
Das Mittelalter 12
Die Renaissance 15
Die Industrialisierung 16
Gegenwart 18
Die Notwendigkeit 19
Näheres über Branche 21
Doppelverhängnis Fusionen und Allfinanz 23
Der gläserne Kunde 25
Machtinstrumente
27
Obrigkeitenhörigkeit 28
Der Geheimdienst Seiner Majestät 29
»Das müssen Sie wissen …« 32
Das Vertragswerk 35
Die Risikostreuung 37
Vetragstreue 38
Der gemeine Banker 40
Die Zuchtstation 41
Der Alltag in einem Kreditinstitut 44
Vom Zwitterwesen 47
Wie Vertrieb funktioniert 50
Rhetorische Qualitäten von Verkäufern 53
Die Zukunft
56
Direkt ist unkompliziert 57
Das Ausland kommt 59
Die Sparkassen auf der Kippe 61
Meine Lieblingsgeschichten 63
Der Kombikredit 64
Der Wertstellungsbeschiss 73
Der Börsencrack 78
Der Fahndungsaufruf 85
Der Bausparvertrag 91
Die Rücklastschrift 95
Konkurrenz belebt das Geschäft 99
Die Internetklitsche 103
Der schweizerische Scheck 109
Tops 113
Die zehn wichtigsten Eigenschaften der Banker 114
Zehn Gebühren, die keiner haben will 121
Die schönsten Zitate zum Thema Geld 127
Was man sagt und was man meint 131
Die schönsten Bankzitate 135
Die zehn schönsten Euphemismen 137
Wenn Banken große Unternehmen »betreuen« 141
Zehn Fragen, die man Banker immer schon fragen wollte 163
Zehn Regeln für den Umgang mit Banken 165
Geschichte
Banken spielen in unserer heutigen Gesellschaft eine Rolle, die
man kaum besser als mit dem Begriff »übermächtig« beschrei-
ben kann. Keine andere Branche verfügt über eine derartige
Omnipotenz, ist sich über selbige auch mehr als bewusst und
setzt die übermäßige Macht auch gern und nicht selten sogar
skrupellos ein.
Aber bevor wir uns dem Thema aus heutiger Sicht nähern,
lassen Sie uns doch gemeinsam einmal einen Blick in die Ge-
schichte werfen. Welchen schicksalhaften Verstrickungen ha-
ben wir dieses System überhaupt zu verdanken? Und wie sind
die großen Kapitalsammelstellen zu dem geworden, was sie
heute sind: Herrinnen über Wohl und Wehe von zahllosen
Existenzen?
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Die Antike
Oder: Ein verhängnisvoller Rausschmiss
Glaubt man den Geschichtsbüchern, so gab es erste finanzwirt-
schaftliche Strukturen bereits im alten Mesopotamien. Aber das
war wohl nur erstes schwaches Aufbäumen eines Gewerbes im
Wachstum, einer Branche im Kommen. Was dort im Zwei-
stromland genau passiert ist, darüber mögen sich Historiker
verständigen. Eine recht populäre Geschichte aus der Antike
hingegen ist uns allen noch im Gedächtnis geblieben.
Sie haben doch hoffentlich nicht befürchtet, ich würde bei
Adam und Eva anfangen? Das wäre ja Quatsch, das würde ja
überhaupt keinen Sinn machen. Aber mit der Bibel, da liegen
Sie gar nicht so falsch. Denn Folgendes trug sich wahrschein-
lich im vierten Jahrzehnt nach einer ziemlich wichtigen Geburt
in einer vorderasiatischen Stadt namens Jerusalem zu:
Jesus ging in den Tempel und fing an, die Händler und jene,
die bei ihnen kauften, hinauszutreiben. Er stieß die Tische der
Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um. Dabei
sagte er: »In der Schrift steht: ›Mein Haus soll ein Ort des Ge-
bets sein‹, aber ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!«
(Matthäus 21.12-13)
Ja, der Jesus, der konnte schon ziemlich explizit werden, wenn
ihm Sachen gegen den Strich gegangen sind – übrigens eine,
wie ich finde, höchst löbliche Eigenschaft. Aber leider hat er
übersehen oder es war ihm egal, dass auch schon damals Macht
und Kapital relativ gut mit einander konnten. Wie dem auch
sei, rein gesundheitlich ist ihm die Sache nicht gut bekommen,
10
aber wenn man aufs Ende schaut, hat diese Einstellung seiner
Popularität keinen Abbruch getan, eher im Gegenteil. Und man
kann schon klar erkennen, dass im Laufe der Jahrtausende im
Zuge eines beinharten Verdrängungswettbewerbs auch Bran-
chen auf der Strecke geblieben sind. Geldwechsler findet man
heute auch im kleinsten Dörfchen, die Taubenhändler hingegen
scheinen, wenn man sich einmal umschaut, im direkten Ver-
gleich die klaren Verlierer der Weltgeschichte zu sein – wenn
man meine heiß geliebte Heimat, das Ruhrgebiet, mal aus-
klammert.
11
Das Mittelalter
Oder: Keine leichte Zeit für Finanzdienstleister
Machen wir’s mal ein bisschen unheimlich. Der erfahrene Leser
wird jetzt gleich ein wenig erschaudern. Wir werfen einen
Blick auf die Templer. Dieser von Geheimnissen und Legenden
umwaberte Orden, bestehend aus Zwitterwesen, halb Mönch,
halb Ritter, wurde zu Beginn des zwölften Jahrhunderts ge-
gründet und kam ganz schnell zu ganz viel Macht. Und Geld.
Aber das hängt ja ohnehin zusammen, wie bereits ein fiktiver
Zeitgenosse der Templer, Hägar der Schreckliche, zu berichten
wusste. Auf die Frage, was er am liebsten hätte, viel Geld, viel
Macht oder viele Freunde, antwortete er sinngemäß: Viel Geld.
Weil dann habe ich viel Macht, und dann kommen die Freunde
von allein.
Zurück zu den Templern. Gegründet wurde der Orden, um
die Pilgerströme nach Jerusalem und zurück zu schützen.
Und so bauten sie entlang des Weges in den dann letztlich
doch nicht ganz so nahen Osten eine Vielzahl von Trutzbur-
gen, die so genannten Komtureien. Die Templer waren somit
militärisch, aber auch finanziell recht gut aufgestellt. Und sie
gelten übrigens auch als die Erfinder des bargeldlosen Zah-
lungsverkehrs. Das Prinzip war relativ einfach: Man übergab
im Abendland den Templern eine Summe Geld und bekam im
Morgenland gegen eine entsprechende Urkunde einen sicher
erheblich reduzierten Betrag (ja, ja, die Bankgebühren, aber
dazu kommen wir noch) wieder ausgehändigt.
Und so wurden die Templer immer mächtiger und wohlha-
bender. Aber weil die rechtliche Situation damals noch nicht
12
ganz so eindeutig und verlässlich war, verbot im 14. Jahrhun-
dert ein französischer König, der wohl bei den Mönchsrittern
ganz böse in der Kreide stand, den Orden. Er unterstellte ihnen
allerlei Unanständigkeiten, und die Herren landeten kurzerhand
im Feuer. Wie vollzählig weiß man nicht so genau, viele Spö-
kes-Bücher-Schreiber wünschen sich ja so verzweifelt, dass es
die Templer und den Gral und die Nachfahren von Jesus Chris-
tus, das ganze Brimborium, insgeheim noch gäbe. Nun, wer’s
unbedingt glauben will …
Ähnlich gnadenlos ging man mit einer anderen Bevölke-
rungsgruppe ins Gericht, den Juden. Die Zusammenhänge
sind relativ einfach. Die Juden waren die einzige religiöse
Minderheit, die im Mittelalter in unseren Breitengraden tole-
riert wurde – aber man machte es ihnen nicht leicht. Denn
ihnen war verboten, den christlichen Mitbürgern in Hand-
werk und Gewerbe Konkurrenz zu machen. Auf der anderen
Seite war es Christen verboten, Geld gegen Zinsen zu verlei-
hen. Das passte ganz gut zusammen, und so übernahmen die
Juden – quasi offiziell dazu genötigt – in den mittelalterlichen
Städten die Finanzwirtschaft. Phasenweise genossen sie be-
sondere Privilegien, vor allem, wenn Fürsten ihre schützende
Hand über sie hielten, weil sie von deren Kapitalversorgung
abhängig waren. Aber viel zu oft schlug das Schicksal ins
krasse Gegenteil um. Ihre Finanzkraft sollte ihnen nicht gut
bekommen, denn je abhängiger die Mächtigen von ihnen wur-
den, umso heißer wurde das Pflaster unter ihren Füßen. Und
nicht selten ereilte sie das Schicksal der Templer: Gnadenlose
Verfolgung mündet nicht selten in brutalen Pogromen. Zu
groß war die Versuchung, mit einem Schlag schuldenfrei zu
sein.
Wie man an diesen traurigen Beispielen erkennt, ist die Ent-
13
stehung der Finanzdienstleistungsbranche für die Agierenden
nicht immer ganz unproblematisch gewesen.
Aber spätestens mit dem Heranbrechen eines neuen Zeital-
ters war dann endlich alles in Ordnung.
14
Die Renaissance
Oder: Sprachkunde – von Banca, Giro und (Dis-)Agio
Die Blütezeit der Renaissance spielte sich im Übergang vom 15. ins
16. Jahrhundert in Italien ab. Florenz, Venedig, Verona, mein Gott,
wie herrlich! Menschen, die auch im Eiscafé San Remo um die Ecke
gern »dui expressi« bestellen und so gern von ihrer toskanischen
Ader schwärmen, bekommen einen verzückt-wissenden Glanz in die
Augen gezaubert, wenn die Namen dieser Städte fallen. Aber neben
Tizian, Caravaggio und Michelangelo haben wir diesem historischen
Zeit- und Raumfenster eben auch die moderne Bankenbetriebslehre
zu verdanken, und ob das so ein Grund zum uneingeschränkt ver-
zückten Schwelgen ist, möchte ich nicht beschwören.
Zu den Fakten: Hier fing alles an, und auch viele Begriffe,
die wir heute noch verwenden, deuten unzweifelhaft darauf hin.
»Banca«, das waren die Tische, auf denen gewirtschaftet wurde.
Also ist die gemeine Bank von heute nach dem Teil benannt,
das wir heute »Schalter« nennen, wohl, weil man da so herrlich
schalten und walten kann. Giro bedeutet Kreis (denn die Rad-
rundfahrt Giro d’Italia hat, wenn überhaupt, denn nur im über-
tragenen Sinne mit Gehaltskonten zu tun), und über ein Giro-
konto kann man, aber das wissen Sie ja, Geld in einen der größ-
ten und mächtigsten Kreisläufe einspeisen, den die Welt zu
bieten hat. Und wenn alles gut geht, spuckt der auch manchmal
was aus. Agios sind Abschläge, und der Lombardsatz hört sich
nicht zufällig an wie der norditalienische Landstrich, den wir
Lombardei nennen. Also, wenn Sie gefragt werden, wer’s er-
funden hat, dann wissen Sie es nun ganz genau. Die Italiener
waren es. Schönen Dank auch, Ihr Weltmeister!
15
Die Industrialisierung
Oder: Große Fabriken kosten ganz viel Geld
Was da nun wieder los war, ist doch eigentlich relativ klar. Es
wurde die Dampfmaschine erfunden, und auf einmal konnten
große Maschinen unglaublich schnell unglaublich schwere Ar-
beit verrichten.
Große Fabriken wurden gebaut, ganze Industriezweige
wurden wortwörtlich aus dem Boden gestampft, und viele
Menschen wurden eingestellt, natürlich zu Hungerlöhnen, aber
egal. Ergo: Man brauchte für Fabriken sehr viel Geld, um los-
legen, um investieren zu können. Und das ist schon das Stich-
wort, um das es geht: investieren. Ein Mensch hat eine Idee,
mit der er, so glaubt er, viel Geld verdienen kann. Aber er be-
nötigt eine Anschubfinanzierung, und aus den damit erwirt-
schafteten Überschüssen, so der Plan, werden dann die Kredite
getilgt und die Zinsen gezahlt. Hört sich relativ einfach an, ist
es aber leider nicht, sonst würde es ja jeder machen.
Und so war auf einmal eine Branche da, die fortan immer
und überall ihre Finger im Spiel haben wird: Die Großbanken
waren geboren. Große Fabriken brauchen viel Geld, und viel
Geld hat eben nur eine große Bank. Die Banken zogen also los,
um sich bei denen, die bereits Vermögen hatten, Geld zu leihen
und es denen zu geben, die mal irgendwann über selbiges ver-
fügen wollten. Da sie das gut hinbekommen haben, wurden sie
immer größer und mächtiger. Und weil (oder wenn) sie nicht
gestorben sind, tun sie es heute eben auch noch.
Irgendwie scheint das alles bestens funktioniert zu haben,
denn schielt man mal auf den DAX, dann findet man dort eini-
16
ge Firmen, ob Bank oder Industrieunternehmen, völlig egal, die
bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dieser
»Gründerzeit«, ihren betriebswirtschaftlichen Kick-off erlebt
haben.
Und wenn der Begriff »DAX« fällt, der das übermächtige
Börsenbarometer meint, dann wird allen klar: Wir befinden uns
allmählich in der Jetztzeit. Also widmen wir uns nun der Ge-
genwart und betrachten mal ein wenig genauer, was den Sektor
der Finanzdienstleistungsbranche heutzutage so ausmacht.
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Gegenwart
Jetzt wird dem gewitzten Leser bereits aufgegangen sein, dass
es sich hier um ein tendenziell eher kritisches Werk handeln
könnte. Und das ist natürlich so richtig wie erforderlich.
Aber zuvor lassen Sie mich alles, was daraus folgt, infrage
stellen und die Kernaussage des Buches schon relativieren, be-
vor ich sie überhaupt getroffen habe. So eine Exkulpation vor-
neweg ist eine feine Sache, weil ich dann, um ernsthaften Kon-
flikten aus dem Weg gehen zu können, bekannte oder sogar
befreundete Banker auf diesen Abschnitt verweisen kann. So
wird es mir zukünftig hoffentlich ermöglicht, sozialer Ächtung
oder auch wirtschaftlichen Repressalien zu entgehen, indem ich
sagen kann: Aber bitte, du (Sie) warst (waren) natürlich nicht
gemeint, hast du (haben Sie) das Kapitel auf Seite 18 denn nicht
gelesen? Und hier kommt es.
18
Die Notwendigkeit
Oder: Brauchen wir die wirklich?
Aber selbstverständlich benötigen wir Banken. Wir möchten
gerne mit Bargeld versorgt werden, wir müssen Geld überwei-
sen, manche von uns brauchen ab und an einen Kredit. Häus-
chen und Autos und andere Lebensträume beziehungsweise
Statussymbole werden eben einfacher auf Pump finanziert.
Und auch für unsere paar Kröten, die wir angespart haben,
brauchen wir die Banken. Denn wenn wir die dort hinbringen,
passen die Profis schön auf unser Geld auf, also hoffentlich,
und es gibt auch Zinsen. Das sind häufig recht übersichtliche
Summen, die da ausgeschüttet werden, aber egal. Man freut
sich auch über kleinere Beträge; es ist schließlich die Geste,
die zählt. Und man trifft dort lauter nette Leute. Gut, das
hängt natürlich zum einen davon ab, ob es einem die eigenen
Vorlieben überhaupt gestatten, Menschen wie Banker nett
finden zu können. Und zum anderen natürlich, wie viel Geld
Sie mitbringen – denn die Faustregel gilt: Je mehr, umso
freundlicher.
Sehen Sie? Ich fang schon wieder an. Und dabei wollte ich
doch was Nettes schreiben. Noch einmal.
Also wenn ich später im Text ab und an mal einen bösen
Seitenhieb in Richtung Banker absondern sollte, dann sind da-
mit nur die aalglatten und schleimigen, die bösen und skrupel-
losen gemeint. Nicht die guten und die netten, die freundlichen
und zuvorkommenden. Denn die gibt’s natürlich auch, auch
wenn ich über eine Verteilung in die unterschiedlichen Katego-
rien eine Schätzung nicht wagen würde. Dumm nur, wenn die
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Netten nichts zu sagen haben und am Ende immer das tun
müssen, was die Bösen, also ihre Chefs, ihnen vorgeben.
Mist, schon wieder … ist gar nicht leicht, etwas Positives zu
schreiben, wenn man sich immer wieder selbst in die Hand fällt.
Also noch einmal. Sie (oder Ihr Kind oder Ihr Freund/Ihre
Freundin oder jemand, den Sie sonst sehr mögen) sind oder ist
Banker. Und Sie sind ehrlich bitter enttäuscht darüber, wie ein
fieser Kerl wie ich, der Sie ja schließlich gar nicht kennt, so viel
Gemeinheiten über das, was Sie tun, absondern kann. Sie mei-
nen es doch schließlich gut, möchten nur helfen und haben
noch nie jemandem etwas zu Leide getan? Dann meine ich Sie
wirklich nicht. Ehrlich. Sie finde ich dann echt gut.
Und an die, die ich persönlich kenne: Ihr seid sowieso nicht
gemeint, euch finde ich auch toll. Schon aus Prinzip.
So. Das war’s jetzt aber wirklich, lassen Sie uns mal richtig
anfangen.
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Näheres über Branche
Oder: Von Kartellen und Oligopolen
Wissen Sie, was ein Kartell ist? So nennt man eine Vereinba-
rung, eine Absprache von Unternehmen (beziehungsweise die
Gruppe der Unternehmen, die so etwas tun), die darauf abzielt,
sich gemeinsam nicht allzu hartem Wettbewerb auszusetzen.
Ist natürlich ganz im Sinne des Verbraucherschutzes verboten,
und deswegen machen Unternehmen so etwas auch nicht. Zu-
mindest lassen sie sich nicht dabei erwischen. Obwohl – das
stimmt auch nicht wirklich. Erwischen kann sie eigentlich je-
der, denn es ist ja offensichtlich, was da abläuft. Nur beweisen
kann man eine Absprache fast nie.
Ein Beispiel. Nehmen wir mal den Spritmarkt. Hier finden
wir ein klassisches »Oligopol« vor, also einen Markt, der nahe-
zu vollständig von einer Hand voll Anbietern kontrolliert wird.
Und seit Generationen steigen die Preise, die Gewinne der
Konzerne klettern ins Unermessliche, und niemand, wirklich
niemand kann oder will etwas dagegen tun. Warum? Nun, es
müssen nur alle Anbieter »freiwillig« und »vom Markt veran-
lasst« immer und fast gleichzeitig dasselbe tun. Setzt der eine
den Preis rauf, zieht der andere kurze Zeit später nach, und
darauf kann man sich verlassen. Und das muss man aus Sicht
der Mineralölkonzerne auch können.
Schauen wir uns nun im direkten Vergleich einmal die Kre-
ditwirtschaft genauer an. Da hätten wir drei bis vier Großban-
ken, und wenn wir die genossenschaftlichen Volks- und Raiffei-
senbanken sowie deren Dachinstitute auf der einen und die
Sparkassen und deren Landesbanken auf der anderen Seite mal
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zu jeweils einem großen, geschlossenen System zusammenfas-
sen, und das sollten wir unbedingt tun, so kommen wir eben-
falls auf eine Branche mit einer guten Hand voll Anbietern.
Und wenn sich nun jemand eine echt tolle, neue Gebühr aus-
denkt und einführt, dann muss er nur ein wenig warten, und
wie von Geisterhand schwenken die anderen auf diesen neuen
Pfad der Untugend ein. Da braucht man keine ausdrücklichen
Vereinbarungen, das ist auch viel zu gefährlich, weil das Kar-
tellamt, einer der größten Papiertiger der Nation, dann, wenn
das öffentlich würde, nun wirklich nicht mehr wegsehen könn-
te. Aber es läuft ja Gott sei Dank auch so, und alle sind zufrie-
den, und keiner kann sich beschweren. Und erst recht kann
keiner, weil er darüber empört ist, meinen, er könne zur Kon-
kurrenz gehen, denn die machen ja genau dasselbe. So oder so
ähnlich funktioniert ein Kartell.
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Doppelverhängnis Fusionen und Allfinanz
Oder: Wie sich eine Branche allmächtig schrumpft
Die Banken in Deutschland (aber natürlich nicht nur hier) ar-
beiten kontinuierlich daran, ihre Macht auszubauen. Das Per-
verse daran: Auf der einen Seite möchte man – ganz liberal –
gerne sagen: Gut, wer kann ihnen das verdenken? Aber dann
schreit der Sozi in mir auf und keift: Kriegt Ihr denn nie den
Hals voll?
Zwei wesentliche Instrumente stehen den Spitzenbankern
zur Verfügung, um ihre Machtposition zu vergrößern. Zum
einen das Fusionsfieber. Die Idee ist relativ simpel: Wenn sich
zwei zusammentun, das kennt man noch aus den Zeiten hand-
fester Sandkastenauseinandersetzungen, sind sie danach stär-
ker. Das Schöne ist hier: Wenn sich zwei zusammentun, kann
man auch gleichzeitig ein paar tausend Leute feuern, die man
dann wegen der anstehenden Zusammenführung nicht mehr
braucht. Wird gern gemacht, geht aber Gott sei Dank auch
manchmal in die Hose. Denn wenn man sich vorstellt, was los
gewesen wäre, wenn sich die größte und mächtigste mit der
zweitgrößten und zweitmächtigsten Bank zusammengetan hät-
te, dann muss man sich schon sehr anstrengen, das gut zu fin-
den. Oder eben rechtzeitig die richtigen Aktien kaufen.
Aber noch dramatischer, weil gefährlicher sind die Verstri-
ckungen unterschiedlicher Finanzdienstleistungen miteinander.
In Deutschland ist es üblich, dass man bei jedem Kreditinstitut
nahezu alle Finanzdienstleistungen geboten kommt. Jede
Großbank sowie die Genossenschaftsbanken und Sparkassen
verfügen über ein Netzwerk von Unternehmen. Und das finden
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die Banker natürlich richtig Klasse, weil die Ihnen nun nicht
nur die eigenen Produkte aufquatschen können (also Kredite,
Sparbriefe oder Sparbücher), sondern alles, was der Markt
sonst noch anzubieten hat. Versicherungen (von Haftpflicht bis
Rente), Bausparverträge, Fonds, Broking – alles da. Und uns
als Kunden wird versucht, gehirnwäschemäßig einzureden, das
wäre eine ganz phantastische Lösung, und wir sollten doch
gefälligst zutiefst dankbar sein, dass die netten Damen und
Herren sich so aufopferungsvoll um restlos alle unsere finan-
ziellen Belange kümmern.
Leider wird Ihnen nie wirklich gesagt, was für ein konkur-
renzlos mieser Schrott Ihnen da oft angedreht wird. Denn
schauen Sie mal: Es gibt in Deutschland Hunderte bis Tausen-
de von Versicherungen. Warum sollte ausgerechnet die Pro-
vinzial der Sparkassen, die R+V der Volksbanken, der Deut-
sche Herold der Deutschen oder die Allianz der Dresdner Bank
das attraktivste Angebot darstellen? Aber häufig ist es eben so,
dass man eine Baufinanzierung nur bekommt, wenn einem der
Sachbearbeiter auch gleichzeitig eine Lebensversicherung an-
drehen kann. Gut, dass das jetzt nicht gerade das günstigste
Angebot am Markt ist, wird sogar der Banker zugeben, wenn
er einen lichten Moment hat. Aber trotzdem wird er so lange
auf Sie einreden, bis Sie wirklich glauben, es wäre ein echter
Vorteil, dass dieser nette Mensch sich jetzt um restlos alle ihre
finanziellen Belange kümmert. Und Sie müssten, das wird Ih-
nen immer suggeriert, für solch eine allumfassende Fürsorge
ordentlich dankbar sein. Aber dem ist nicht wirklich so. Wie
wir jetzt sehen werden.
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Der gläserne Kunde
Oder: Was die alles über Sie wissen …
Obacht, jetzt kommt eine Floskel: Wissen ist Macht. Aber ah-
nen Sie überhaupt, wie sehr diese Binsenweisheit auf unser
Thema zutrifft? Ihre Bank weiß alles über Sie. Wenn Sie wissen
möchten, was alles, dann nehmen Sie doch Ihre Kontoauszüge
aus dem Jahr 2000 zur Hand und blättern sie einmal durch.
Interessant, nicht wahr? Welch schöne Erinnerungen! Gut, die
Salatschleuder, die Sie so günstig bei Ebay ergattert haben, ist
jetzt nicht so interessant, aber die Überweisung für Ihr Beate-
Uhse-Überraschungspaket, für das Sie sich extra drei Tage
Urlaub genommen haben, damit es der Postbote nicht bei der
neugierigen Nachbarin abgibt, ist da doch schon ein ganz ande-
res Kaliber, oder etwa nicht? Und das Widerliche daran ist:
Wenn Sie sich mal mit den Bankern anlegen und Sie dann in
das arrogante Grinsen Ihres »Beraters« blicken, wissen Sie
nicht genau: Macht der das aus Prinzip immer so, oder hat der
irgendwo etwas entdeckt, das Sie vielleicht schon lange verges-
sen haben? Also merken Sie sich eines: Bei Ihrem Browser fürs
Internet mögen Sie in Sachen gläserner Mensch vielleicht das
Schlimmste verhindern können, aber ein Banker erfährt, wenn
er es darauf anlegt, alles über Sie. Das finden Sie unappetitlich?
Das kann ich gut verstehen.
Und das gilt natürlich vor allem, wenn Sie einen Großteil
oder sogar alle finanziellen Belange über eine Schnittstelle
verwalten.
Besonders gefährlich wird die Geschichte dann, wenn Sie,
was Gott verhüten möge, einmal in finanzielle Untiefen gelan-
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